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Typisch deutsch? 9 Behauptungen auf dem Prüfstand

In den sozialen Medien stellte eine französische Bekannte, die seit einiger Zeit in Deutschland lebt, unlängst neun Behauptungen darüber auf, was sie für „typisch deutsch“ hält. Ich habe in diesem Artikel ihre Behauptungen, die aus Alltagsbeobachtungen resultieren, auf den Prüfstand gestellt, genauer untersucht und mit der Situation in Frankreich verglichen. Vieles, was über „die“ Deutschen gesagt wird, erscheint zwar auf den ersten Blick plausibel, doch sind gemachte Beobachtungen auch immer von verschiedenen Umständen abhängig, die bei der Beurteilung berücksichtigt werden müssen. Hier mein Faktencheck:

1. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du Sonntagabend den Tatort schaust.“

Faktencheck: Diese Behauptung ist sicher richtig, wenn man sich allein die Zuschauerzahlen ansieht. Der Tatort ist der am längsten laufende (seit 1970) und beliebteste Krimi in Deutschland und versammelt Sonntag für Sonntag zur Hauptsendezeit nach der Tagesschau ein Millionenpublikum (rund 10 Millionen Zuschauer) vor dem Fernseher. Der Kult-Krimi wird von den treuesten Fans sogar im Publicing Viewing in Kneipen verfolgt. Auch in den sozialen Netzwerken finden heiße Diskussionen um die neuen Folgen statt. Den Grund für den Erfolg der Serie sieht Tatort-Erfinder Gunther Witte in der Vielfalt an verschiedenen Kommissaren und Schauplätzen sowie in der „Schwächung des fiktionalen Bereichs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ wie er in einem Interview mit der „Welt“ verriet.

2. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn dich jemand anruft und du dich mit deinem Namen am Telefon meldest.“

Faktencheck: Der Franzose meldet sich im Gegensatz zum Deutschen am Telefon tatsächlich ohne Namen. „Allô“ heißt es da nur kurz und knapp, oder auch:

  • Bonjour?
  • Oui allô?
  • Oui bonjour?
  • Oui, bonjour, qui est à l’appareil?

Aber „Allô“ ist die am häufigsten verwendete Variante, die den Franzosen in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Wieso man in Frankreich als Angerufener seinen Namen nicht sofort nennt? Teilweise möchte man wohl einfach seine Privatsphäre vor lästigen Werbeanrufern schützen. Doch die „Allô“-Praxis am Telefon existiert ja schon etwas länger als die Praxis der Cold Calls Es ist wohl eher so (und das hat mir auch ein französischer Bekannter bestätigt), dass der Franzose den Anrufer in der Pflicht sieht, sich zuerst vorzustellen. Und wenn dies nicht erfolgt, unter Umständen ein spitz formuliertes „A qui ai-je l’honneur“ (wörtlich übersetzt: „Mit wem habe ich die Ehre?“) hinterherschickt.

Was in Frankreich und anderen europäischen Ländern (z. B. Italien, Spanien) üblich ist, gilt in Deutschland aber nach wie vor als unhöflich. Hier meldet man sich, wenn man angerufen wird, mit seinem Namen. So weiß der Anrufer sofort, ob er den richtigen Teilnehmer in der Leitung hat, oder ob er sich verwählt hat.

Für in Deutschland lebende Franzosen können solche kleinen aber feinen Unterschiede den Alltag enorm verkomplizieren. Muss man doch bei jedem Anruf überlegen, ob der Anrufer Deutscher ist und man sich mit seinem Namen zu melden hat oder Franzose und ein simples „Allô“ genügt.

3. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du an einer roten Ampel stehen bleibst.“

Faktencheck: Der Deutsche ist aufgrund seiner Vergangenheit obrigkeitsstaatlich geprägt und hält sich daher strikt an vorgegebene Regeln – also auch an das Überquerungsverbot bei einer roten Ampel. Arnold Voss schreibt auf ruhrbarone.de, dass in den Köpfen der Deutschen ein Satz fest verankert ist: „Rot heißt stehen bleiben, egal was der Verstand sagt und die Gefahrenrealität anzeigt.“ Ein Franzose hingegen lässt sich von einer Ampel nicht vorschreiben, wann er die Straße zu überqueren hat. Doch auch in deutschen Großstädten gehorchen immer weniger Fußgänger und Radfahrer dem roten Ampelmännchen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie in dem Artikel „Frankreich: 9 Gründe, warum ich dich liebe.“

4. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du im Sommer auf viele Grillparties gehst.“

Faktencheck:Tatsache ist: Grillen liegt in Deutschland im Trend. Mit Grills und Zubehör wird Jahr für Jahr ein Milliarden-Umsatz gemacht. Sobald es die Temperaturen im Frühjahr zulassen, wird der Grill aus dem Winterschlaf geholt und die Grillsaison eingeläutet. Wobei, Frühjahr und Sommer sind mittlerweile nicht mehr genug. Vor kurzem ist mir in einer Buchhandlung ein Buch aufgefallen, in dem es um das Thema „Wintergrillen“ geht, „weil Minusgrade kein Hinderungsgrund mehr sind, den Grill anzuheizen“, so Autor Tom Heinzle. Die Begeisterung für sommerliche Grillparties kann also getrost als typisch deutsch bezeichnet werden. Und die muss auch – in gewissen Grenzen selbstverständlich – von den Nachbarn hingenommen werden. Nach einem Urteil des Landgerichts München müssen Grill-Gegner eine Störung durch das Grillen nachweisen so der Journalist Michael Schweer auf zehn.de.

Roger Boyes schreibt in seinem Buch „My dear Krauts“:

„Heute gelten die Deutschen als eifrigste Bratmaxe in ganz Europa. Natürlich genießen auch andere Völker hin und wieder ein über Kohle gebrutzeltes Stück Fleisch. Aber sie folgen keinem derart ausgeklügelten Ritual wie die Deutschen, für die der Grill eine wahrhaft „heilige Feuerstätte“ ist.“

Am liebsten lädt der Deutsche zu einer Grillparty Freunde und Bekannte zu sich nach Hause ein. Es genügt auch schon ein Balkon in einem Mehrfamilienhaus, um das marinierte Fleisch zu brutzeln. Oder man fährt einfach ins Grüne und sucht sich dort ein schönes Plätzchen zum Grillen.

Doch der Franzose ist auch kein Grillmuffel, im Gegenteil. Laut einer Umfrage geben sich 75 % der Franzosen an schönen Tagen den Freuden des Grillens hin. Allerdings verbieten viele Städte in Frankreich das Freizeitvergnügen in öffentlichen Plätzen oder Parks (eine positive Ausnahme bildet die Stadt Nantes). Und einen eigenen Garten oder Balkon besitzen halt nur die wenigsten Franzosen. Und selbst dann ist nicht sicher, ob das Grillen dort überhaupt erlaubt ist.

Allerdings: Was dem Deutschen seine Grillparty, ist dem Franzosen sein Picknick-Vergnügen wie Cecile Calla, Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins „ParisBerlin“ auf „The European“ schreibt. Zu einem typisch französischen Picknick gehören übrigens Apéritif, Amuse-Gueule, Taboulé, Tomaten, Käse, Schinken, Baguette und natürlich Rotwein.

5. Behauptung: „Du bist tyisch deutsch, wenn du Winterreifen hast.“

Faktencheck: In Frankreich existiert – im Gegensatz zur Bundesrepublik – keine generelle Winterreifenpflicht. Wozu auch? In Frankreich herrschen generell mildere Temperaturen als in Deutschland – mit Ausnahme der französischen Alpen. Wenn Winterreifen, sogenannte „pneus neige“ zu benutzen sind, wird das durch Verkehrsschilder angezeigt. Ich erinnere mich noch gut an meine Studienzeit in Rennes, als eine mit Schnee bezuckerte Straße genügte, um ein veritables Verkehrschaos anzurichten. Denn in der Bretagne ist man auf solche Situationen schlichtweg nicht vorbereitet. Ebensowenig wie in der Hauptstadt. Stefan Ulrich, Paris-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt in „Bonjour la France! – Ein Jahr in Paris“: „Wenn es dann einmal richtig weiß wird, wie in diesem Jahr, bricht das Chaos aus. Die Leute lassen ihre sommerbereiften Autos mitten auf der Straße stehen und gehen nach Hause.“

6. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn sich in deinem Schrank zuhause die Pfandflaschen stapeln.“

Faktencheck: Seit der Einführung der Pfandflicht in Deutschland im Jahr 2003 werden Flaschen nicht mehr einfach weggeworfen, sondern zurück in den Supermarkt gebracht. Daher stapeln sich in deutschen Küchen tatsächlich meist Pfandflaschen im Wert von mehreren Euros. Doch stiftet das Flaschenpfand häufig Verwirrung bei den Verbrauchern, da meist nicht klar ist, wieviel Pfand auf eine Flasche genau bezahlt werden muss. Das Pfandflaschen-Sammeln ist in Deutschland für gewisse Kreise mittlerweile zu einem lukrativen Freizeitvertreib geworden.

Pfand auf Flaschen aus dem Supermarkt kennt man in Frankreich heute praktisch nicht. Daher gibt es hier auch keine Rücknahmeautomaten für das Pfandgut. Bis in die 1980er Jahre gab es ein Pfandsystem für Glasflaschen, seitdem wird Pfand nur noch vereinzelt bei Flaschen mit Wein gezahlt, die direkt vom Erzeuger stammen. Aber in den letzten Jahren diskutiert man verstärkt über eine Rückkehr des Pfandsystems.

7. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du deine Schuhe mit Absatz nicht mehr anziehst.“

Faktencheck: „Das Leben als Französin ist ziemlich anstrengend: Ständig muss man sein Aussehen pflegen, auf seine Ernährung achten und Charme versprühen“, schreibt Tanja Kuchenbecker auf Cosmpolitain über die französische Frau. Zum perfekten Aussehen gehören natürlich auch die hohen Schuhe, durch die die weibliche Anziehungskraft um ein Vielfaches verstärkt wird. Dass es sich in den „Stöckelschuhen“ oft nur unter Schmerzen laufen lässt, geschenkt. Britta Holzmann betont auf joy.de, dass es ein „Hauptsache bequem“ für die Französin nicht geben würde. Französinnen haben einen anderen Bezug zu ihrem Schuhwerk als die meisten Deutsche. Bis heute werden Menschen in Frankreich nach den Schuhen beurteilt, die sie tragen.

Allerdings besitzen nach einer Umfrage des Online-Händlers Zalando deutsche Frauen im Schnitt neun Paar High-Heels, Französinnen nur acht Paar der hochhackigen Schuhe – ganz zu schweigen von den 16 Paar High Heels, die Italienerinnen in ihrem Schuhschrank horten. Außerdem stöckeln französische Frauen (fünf Zentimeter) weniger hoch als Deutsche (10 bis 12 Zentimeter).

8. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du freudig eine Bratwurstsemmel mit Senf isst.“

Faktencheck: Ob auf dem Weihnachtsmarkt, einem Volksfest oder beim Grillen mit Freunden: Der Deutsche lässt sich bei vielen Gelegenheiten im Alltag die aus Schweinefleisch, Brät und verschiedenen Gewürzen bestehende Bratwurst mit mittelscharfem Senf in einer Bäckersemmel schmecken.

Das französische Pendant zur deutschen Bratwurst ist die „Merguez“, eine pikant gewürzte Hackfleisch-Bratwurst aus dem Maghreb. Sie wird aus Lamm- und Rindfleisch hergestellt und enthält Gewürze wie Kreuzkümmel, Paprika, Knoblauch, Harissa und Pfeffer. Nicht selten verdrückt der Franzose die Merguez in einem Baguette, Brötchen wie in Deutschland sind in Frankreich unbekannt.

Zu welchen Speisen in Frankreich Senf gegessen wird, lesen Sie auf dieser Seite.

9. Behauptung: „Du bist typisch deutsch, wenn du dich nicht mehr darüber wunderst, dass die Mietwohnung ohne Küche angeboten wird.“

Faktencheck: In Deutschland werden Wohnungen in der Regel ohne Möbel, also auch ohne Küche, vermietet. Das entspricht aber nicht der Nachfrage: Denn ca. 90 % aller Mietinteressenten suchen eine Wohnung mit vorhandener Einbauküche, ca. 10 % aller Mietinteressenten haben bzw. hätte eine eigene Küche. In Frankreich hingegen ist die Küche in einer Mietwohnung oft bereits vorhanden und in der Miete enthalten. Das ist praktisch für diejenigen, die häufig umziehen. Warum es in Deutschland weniger Wohnungen mit als ohne Küche gibt, dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Zum einen möchten einige Mieter nicht die benutzte Küche des Vormieters benutzen. Der wichtigere Grund aber scheint zu sein, dass eine fest eingebaute Küche für den Vermieter hauptsächlich Ärger  mit sich bringt und er keinen wirklichen Nutzen davon hat.

Wenn Sie abschließend noch wissen wollen, warum die Deutschen in den Augen der Franzosen ein streitsüchtiges Völkchen sind, dann lesen Sie meinen Beitrag „Warum Franzosen deutsche Zänkerei suchen“ auf sprachschach.de.

Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

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  1. Pingback: "Ich habe hier immer richtige Streitgespräche vermisst"

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