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Frankreich: 9 Gründe, warum ich dich liebe

Meine Liebe zu Frankreich

Warum ich Frankreich liebe? Nun, mit der Liebe zu einem Land, seiner Sprache, Kultur und seinen Menschen ist es wie mit der Liebe zwischen zwei Menschen: Gleich und gleich gesellt sich gern. Dennoch beleben gerade die Unterschiede und Neugier aufeinander jede Beziehung, wie auch Hanni Hüsch in „So sieht uns die Welt: Ansichten über Deutschland“ schreibt. Zwar schlägt mein Herz blau-weiß-rot, vom Kopf her bin ich allerdings Deutscher und werde es auch immer bleiben. France, mon amour: Hier meine Gründe, warum ich dich so sehr liebe.

1.) Weil du es zu schätzen weißt, wenn man deine Sprache zu schätzen weiß

Wie oft habe ich schon von Deutschen, die zum ersten Mal in Frankreich Urlaub gemacht haben, gehört, Franzosen seien arrogant und würden sich keine Mühe machen, eine andere als ihre eigene Sprache zu sprechen. Tatsächlich sind Franzosen aufgrund gewisser (politischer) Umstände weder begabt noch gewillt, sich sprachlich an ihr Gegenüber anzupassen, das aus einem anderem Land als ihrem eigenen kommt. Auch neigen Franzosen von Natur aus zu einer gewissen Distanziertheit Fremden gegenüber.

Allerdings: Wenn man in Frankreich auch nur einen so banalen Satz wie „Bonjour, ça va?“ einigermaßen fehlerfrei über die Lippen bekommt, ist das Eis gleich gebrochen. „Mais vous parlez très bien le français“, werden Sie dann in 99,99 Prozent der Fälle als Antwort zu hören bekommen. Empfand ich diese überbordende Höflichkeit anfangs übertrieben, fühle ich mich nun jedes Mal aufs Neue geschmeichelt, genieße das Lob und fühle mich fast schon ein wenig als Franzose. Auch wenn man jetzt nicht wirklich behaupten kann, dass jemand sehr gut Französisch spricht, nur weil er „Hallo, wie geht’s“ sagen kann. Oder?

Daran sieht man, dass Franzosen keineswegs unnahbar sind, sondern es sehr zu schätzen wissen, wenn man sich nur Mühe gibt, ihre schöne Sprache zu sprechen. Und dann gibt es da ja auch noch „la bise“, das Wangenbussi für gute Bekannte – je nach Region sind es 1, 2, 3 oder sogar 4 Bussis. Gut, das sind zwar alles nur „Fomalitäten“ und müssen  nicht zwangsläufig von Herzen kommen, aber ich finde es dennoch ein schöneres Ritual als wie hier in Deutschland, wo man sich zur Begrüßung nur die Hand reicht.

2.) Weil du dich nicht sklavisch an Regeln hälst

Rote Ampel in FrankreichGeht man in Deutschland bei Rot über die Ampel und wird dabei von der Polizei erwischt, werden für diese Ordnungswidrigkeit fünf Euro fällig. In Frankreich ist es zwar offiziell ebenfalls verboten, bei Rot über die Ampel zu gehen, dennoch hält sich so gut wie niemand daran. Und es wurde aufgrund dieser Regel-Missachtung sicher noch nicht oft ein Bußgeld verhängt. Einmal durfte ich vor vielen Jahren in Rennes miterleben, wie selbst Gendarmen eine rote Ampel missachteten – es sind halt auch nur Franzosen. Wenn in Frankreich kein Auto zu sehen ist, wechselt man ohne den Anflug eines schlechten Gewissens die Straßenseite. In Deutschland bleibt man selbst an einer leeren Kreuzung stehen, bis das kleine Männchen grün leuchtet und zum Gehen auffordert. Franzosen sehen solche Regeln eher als „Herrschaftsinstrument eines mächtigen, allgegenwärtigen Staates und weniger als das Ergebnis eines demokratischen Gemeinsinns“, wie die Zeit schreibt.  Gut hat dieses Verhalten der in Deutschland lebende Kabarattist Emmanuel Peterfalvi, besser bekannt durch die Figur des Reporters Alfons, in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung auf den Punkt gebracht:

„In Frankreich sind rote Ampeln nur ein Vorschlag. In Deutschland dagegen gibt es nicht nur rote Ampeln für Autos, sondern auch noch für Fußgänger. Das hat mir am Anfang schon Probleme bereitet. Denn ich habe nicht verstanden, dass man als Fußgänger bei roter Ampel halten muss – auch wenn kein Auto kommt und es regnet und man hat keinen Schirm dabei und ist im T-Shirt unterwegs.“

3.) Weil du für jede Hürde im Leben eine Notlösung parat hast

Système D: Das ist nicht der Name einer französischen Band, sondern eine kulturelle Besonderheit, die Franzosen hilft, die vielfältigen Hürden und Probleme des Alltags zu meistern – und scheint eine Situation noch so ausweglos zu sein. Das D steht dabei für „débrouillage“ oder „se débrouiller“, was so viel bedeutet wie „zurechtkommen“ oder „sich durchwurschteln“.

Es ist die Antwort des kleinen Mannes auf einen schier übermächtigen Staat, der den Alltag überreglementiert und einem kaum noch Luft zum Atmen lässt. Erst neulich las ich auf Facebook den Diskussionsbeitrag eines Freundes, der sich über die Regelungswut der französischen Behörden mokierte:

„Ah oui, on est en France, le pays aux 10 milliards de lois et règlements.“

Jüngst empfahl sogar Jacques Attali, Ökonom und Berater  des Staatspräsidenten François Mitterrand, in einem „Débrouillez-vous“ überschriebenen Artikel im Magazin Slate: „En conséquence, ma recommandation à chacun de mes lecteurs est claire: agissez comme si vous n’attendiez plus rien du politique.“ Diese Aggregation von Egoismen solle einen verheerenden, aber gleichzeitig auch positiven Einfluss auf die politische Klasse haben, indem sie dann endlich ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen müsse.

Wie oft durfte ich schon Gast bei Franzosen sein und war erstaunt, wie gut es ihnen doch ging – obwohl die wirtschaftliche Situation nach außen betrachtet jetzt nicht rosig erschien. Aber natürlich habe ich da nicht weiter nachgefragt, über Geld redet man in Frankreich bekanntlich nicht. Außerdem fällt mir die Vermieterin meines wunderschönen Innenstadt-Apartments in Rennes ein, die ihre Miete am Monatsende persönlich abzuholen pflegte und das Bargeld sogleich in ihrer Handtasche verschwinden ließ. Beliebt ist in Paris die Untervermietung von Zimmern, irgendwie muss man bei den horrenden Lebenshaltungskosten halt schauen, wo man bleibt. Ein Beispiel für die Praxis des „Système D“ lieferte mir auch kürzlich eine Freundin. Da sie im Urlaub keine günstigen Zugtickets für die Heimreise mehr bekam, nahm sie kurzerhand eine Mitfahrgelegenheit über das Internet in Anspruch.

Franzosen sind richtige Lebenskünstler, wenn es darauf ankommt. Doch auch in anderen Ländern hat man natürlich seine Tricks auf Lager.  Kennen Sie zum Beispiel „Trick 77“ in Deutschland?

4.) Weil du noch stolz auf deine Sprache und Kultur bist

Selbstbewusstsein FrankreichFrankreich – la Grande Nation. Das war einmal, dennoch ist die „exception culturelle“, die kulturelle Ausnahmestellung weiterhin in den Köpfen der Franzosen und in der Politik präsent. Man ist stolz auf die eigene Sprache und kulturelle Errungenschaften, wehrt sich beharrlich dagegen, englische Begriffe in die eigene Sprache aufzunehmen (und wenn, dann durchlaufen sie einen Französierungs-Prozess) und bevorzugt auch im Kino französische Produktionen. Außerdem laufen im Radio mindestens 40 Prozent heimische Titel. Und das wird vom Staat auch üppig gefördert. Kulturprodukte stehen in Frankreich von Gesetz wegen unter besonderem Schutz. In Deutschland ist Kultur-Politik hingegen kein großes Thema. Ob die heimischen Werke dann aber auch bei den französischen Konsumenten Anklang finden, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

Frankreich widersetzt sich beharrlich aller ausländischen Einflüsse, um seine kulturelle Identität zu wahren. Und scheut hier auch nicht den Konflikt mit Supermächten wie den USA, z. B. im Rahmen der Gespräche um ein Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA. „L’exception culturelle ne se négocie pas„, verkündete Nicole Bricq, Ministerin für Außenhandel im Kabinett von Ex-Premierminister Jean-Marc Ayrault, im Frühsommer 2013 in einem Interview mit der linksliberalen Tageszeitung. Point barre !

Das erinnert an Asterix und Obelix, an das kleine gallische Dorf, dass den Römern beharrlich die Stirn bietet. Und das ist mir allemal sympathischer, als wenn die eigene Sprache nur als Mittel zur Kommunikation betrachtet wird.

5.) Weil für dich die Mittagspause (noch) heilig ist

Sandwich zur Mittagspause in FrankreichWährend des Studiums in Deutschland fand ich es immer ärgerlich, dass die Mittagspause nach 45 Minuten meist schon zu Ende war. Zieht man davon die Zeit ab, die man in der Warteschlange der Mensa verbrachte, kam man meist nur auf eine gute halbe Stunde, in der man sein Mittagsmahl im wahrsten Sinne des Wortes herunterschlingen musste. Als ich dann 2006 zum Studium nach Rennes kam, sollte sich das ändern. Mittags ließ man uns an der Universität zwischen Vormittags- und Nachmittags-Vorlesungen eineinhalb Stunden Zeit, um bei Steak oder Poulet frites unsere sozialen Kontakte zu den französischen Komilitonen zu pflegen. Und auch im Arbeitsleben war die Mittagspause lange heilig, sie förderte Kreativität und das gute Miteinander unter Kollegen. Nicht selten kommen in Frankreich Geschäftsabschlüsse bei einem gemeinsamen Mittagessen zustande. Hierzu schreibt Andrea Gollwitzer in „Le français des affaires“:

„Les échanges hors bureau, par exemple à l’occasion d’une sortie au restaurant avec vos relations commerciales, jouent un rôle très important dans la vie commerciale. Interrompre des négociations difficiles par une invitation à déjeuner ou à dîner peut être très utile dans vos négociations …“

Doch auch dieses Ritual ist am Bröckeln, wie  Studien zeigen. Nicht selten wird einfach schnell irgendwo ein Sandwich verdrückt oder man lässt sich ein fertiges Menü an den Arbeitsplatz liefern.

6.) Weil du deine süßen Schmuck-Stücke stilecht verpackst

Verpackung PatisserieEclairs chocolat, Millefeuille vanille, Tarte au chocolat, Paris-Brest, Saint-Honoré, Macarons und und und. Läuft Ihnen da nicht schon beim Lesen das Wasser im Mund zusammen? In Frankreich kennt man nicht die üppigen Sahne- und Cremetorten wie in Deutschland. Dafür aber raffinierte und süße Pattiserie-Schmuck-Stücke, die zwar nicht minder kalorienreich, dafür aber ein Festschmaus für die Augen sind. Meine neueste Entdeckung machte ich übrigens im Herbst in einer Konditorei im Quartier Latin. Dort gab es tortenähnliche Patisserie auf Meringue-Basis, deren Namen allein schon Lust auf mehr machten: Ob Incroyable, Merveilleux, Impensable, Excentrique, Sans-Culotte und Magnifique: Am liebsten hätte ich alle Torten probiert.

Und wie es sich für süße Preziosen gehört, werden diese in Frankreich dem Kunden stilecht in edlen Behältern überreicht. Manche Schmuck-Stücke sind eigentlich viel zu schade zum Essen und auch die Verpackung würde man gerne irgendwann einmal wiederverwenden.

7.) Weil du mit deiner Widersprüchlichkeit nicht alleine bist

Reformen Frankreich„L’esprit francaise aime la contradiction, le contre-point“, sagt die Kabarettistin Camille Chamoux, die Franzosen lieben den Widerspruch. Und auch Romain Pasquier, Forscher am Sciences Po Rennes, berichtet augenzwinkernd: „Les Français sont schizophrènes.“ Beispiele hierfür findet man in Umfragen und in der Presse zuhauf. François Hollande wird vorgeworfen, zu wenig Autorität auszustrahlen und zu weich zu sein. Dem neuen Premierminister Manuel Valls hingegen nimmt man seinen autoritären Regierungsstil übel. Und dann das Thema Reformen: Einerseits geben die Franzosen in Umfragen zu Protokoll, dass Reformen gemacht werden müssen. Aber sobald es an den eigenen Geldbeutel geht, wird dagegen protestiert. Reformen, ja. Aber erst mal beim anderen und Privilegien dürfen keine gestrichen werden. Oder nehmen wir die Europäische Union: Die Franzosen lehnen zwar die EU und ihre rigide Sparpolitik ab, gleichzeitig sprechen sie sich aber mehrheitlich für den Euro als Zahlungsmittel aus. Dabei dient die Sparpolitik ja eigentlich dem Ziel, den Euro als gemeinsame Währung stabil zu halten.

„Les Français composent un peuple fasciné par la monarchie qui, dans le même temps, se révèle frondeur“, schreibt Pierre Sadran, Dozent am IEP von Bordeaux. „C’est une tradition très ancienne, un comportement très ancré qui génèrent chez nous ce goût célèbre pour la division.“

Und eine interessante Erklärung für die Widersprüchlichkeit der Franzosen liefert CharElie Couture auf vupar.org:

„En France, on aime définir les choses par rapport à leur contraire: la nuit, c’est pas le jour. On réfléchit par antithèse. (…) Dans les termes employés au quotidien, on entend souvent soit la négation, soit la double négation. Par exemple, on dira que „c’est pas mauvais“,  „c’est pas con“, „pas dégueulasseé“ etc.“

Doch damit ist Frankreich nicht allein: Auch in Deutschland und andernorts herrscht das Not-in-my-backyard-Syndrom. Alternative Energien, Windkraft? Gerne, aber ja nicht vor meiner Haustür.

8.) Weil du es verstehst, das Leben zu geniessen

Franzosen arbeiten deutlich weniger als die Deutschen. Viele Deutsche  beneiden die Franzosen um deren Leichtigkeit im Genießen, um das savoir-vivre, das im Nachbarland herrscht. So schreibt der Figaro:

„Certes, la France est la patrie des grèves, des aéroports bloqués, et les râleurs y sont légion, mais au moins, les Français savent prendre la vie du bon côté, estiment nombre d’étrangers.“

Und auch der chinesische Schauspieler Geng Le hat den wahren Luxus der Franzosen erkannt:

„Ce que les Français ont de plus séduisant, c’est qu’ils montrent au monde entier que le travail ne constitue pas l’essentiel de la vie.“

Sind Franzosen deswegen fauler als Deutsche? Nun, sie haben halt ihren eigenen Rhythmus, den man respektieren muss.

9.) Weil du immer etwas zu nörgeln hast

Der Franzose ist als ewiger Nörgler bekannt. Tatsächlich gibt es im Alltag auch viel Grund sich aufzuregen. Sei es, dass man den Bus verpasst hat oder es am Tag, an dem man sich die neue Frisur gegönnt hat, es in Strömen regnet oder weil man sich eine Jeans einer teuren Marke nicht mehr leisten kann. Als Begründung, warum sie denn so viel nörgeln, ist in Umfragen zu lesen, dass man sonst selbst reingelegt werde. Und die Wurzel allen Übels ist sowieso immer die inkompetente Politik der Regierung oder die Behörden.

Ein französischer Freund von mir hat in den sozialen Netzwerken sogar eine eigene Rubrik namens „Le ca m’énerve du jour“ eingerichtet – mittlerweile ist er schon bei Eintrag 545 angelangt. Gibt es denn auch Positives in Frankreich?

Aber: Es gibt eigentlich gar nicht so viel Grund zu nörgeln. Außer Deutschland geht es vielen Ländern in Europa noch schlechter als Frankreich. Aber das ist dem Franzosen egal: „Un jour, je quitterai ce pays pourri.“

Wer Franzosen einmal in einer typischen Situation am Tresen mit einem „petit rouge“  nörgeln sehen will, sollte sich unbedingt diesen kleinen YouTube-Clip ansehen.

Das waren meine neun Gründe, warum ich Frankreich liebe. Teilen Sie auch meine Begeisterung für Frankreich? Falls ja, hinterlassen Sie im Kommentarfeld doch Ihre persönlichen Gründe, warum Sie eine Leidenschaft mit unserem Nachbarn verbindet. Der „Frankreich Fan“ freut sich!

Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

3 Kommentare

  1. Habe gerade gelesen, dass du mit Anouk Charlier die ersten Schritte in Französisch gemacht hast. Ich bin noch Beginner und mache auch gerade den Kurs „Bon Courage“. Top Sendung, trotz der mehr als 20 Jahre auf dem Buckel. Viele Grüße und Bon Courage 😉

    • Salut Jens,

      ja, die „alten“ Sendungen sind nicht die schlechtesten – im Gegenteil. Heute gibt es ja viel innovativere und spielerische Lernmethoden mit Apps & Co, um Französisch zu lernen. Aber auch da gilt: Ohne Fleiß, kein Preis. Bon Courage hat mir auch deshalb so gut gefallen, weil die Dialoge ansprechend gestaltet waren, die Darsteller klar und deutlich gesprochen haben und weil es als Belohnung am Ende jeder Lektion einen kleinen landeskundlichen Ausflug gab.

      Ich wünsche dir viel Erfolg beim Erlernen der wahrscheinlich schönsten Sprache der Welt! Bon courage! Du darfst natürlich gerne öfters hier vorbeischauen und dich über die Besonderheiten der französischen Sprache informieren. 🙂

      A bientôt
      Martin

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