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Nostalgie-Tour auf der RN 7: Neugier auf die nächste Kurve

Auf der Route Nationale 7 kurz vor Menton

Die „Route Nationale 7“, die „Straße der Sehnsucht“ in den Süden, war einst für Millionen Franzosen Synonym für Ferien und Urlaub. Der Name ist seit 2006 zwar offiziell verschwunden, der Mythos der legendären Straße aber lebt. Am Leben gehalten wird er auch durch Menschen wie Michael O. R. Kröher und Wolfgang Groeger-Meier: Der Wissenschaftsjournalist (manager magazin) und der Münchner Fotograf machten sich 2014 mit einem Opel Kapitän auf den Weg, um die tausend Kilometer von Paris nach Menton im wahrsten Sinne des Wortes zu er-fahren. Aus diesem Roadmovie ist ein Buch entstanden („In die Sonne, in die Ferne. Auf einer Straße der Sehnsucht ans Mittelmeer“), das den Zauber der Landstraße in eindrucksvollen Bildern und Texten verewigt.

Im Interview mit dem „Frankreich Fan“ spricht Kröher über intensive Düfte nach Dieselruß und nach Lavendel, traurige Einzelhändler, Bürgermeister mit Visionen und wer sich eine Reise auf der RN 7 sparen kann.

FRANKREICH FAN: Das „boersenblatt“ schreibt, dass das Buch „In die Sonne, in die Ferne. Auf einer Straße der Sehnsucht ans Mittelmeer“ ein „Reiseverführer“ sei. Wen wollen Sie zu einer Reise verführen – und wer kann sich die Landpartie sparen?

KRÖHER: Verführen wollen wir alle, die immer wieder gern auf Frankreichs Straßen unterwegs sind oder das schon lange mal wollten. Die das Große entdecken können im Kleinen und dafür auch einmal mehr abbiegen. Die auch auf die leisen Töne hören. Sparen sollten sich die Reise auf der magischen, mythischen Route Nationale 7 nur jene, die Sehnsucht für eine behandlungsbedürftige Krankheit halten.

Grüne Alleebäume säumen die Route Nationale 7

Grüne Alleebäume säumen die RN 7 (Copyright: Wolfgang Groeger-Meier)

FRANKREICH FAN: Wie lassen sich die einzelnen Abschnitte der Reise landschaftlich beschreiben?

KRÖHER: Die Reise gliedert sich nicht so sehr in Abschnitte, die Übergänge zwischen den Landschaftsformen sind meist fließend. Die Ile der France gleich hinter Paris ist lieblicher als die steilen Felsgebirge der Cote d’Azur; das flache, manchmal auch enge Rhonetal fokussiert den Blick anders als die hügelige Provence oder die offenen Weinberge an der Loire. Die Pinien und Palmen, die Badebuchten und das tiefblaue Mittelmeer haben wieder einen ganz anderen, eigenen Charakter.

FRANKREICH FAN: Im reisebegleitenden Blog ist zu lesen: „Trucker und andere Langstrecken-Piloten betrachten das Asphaltband bloß als Verbindung zwischen zwei Punkten, als Tragfläche für ihre Fahrzeuge und als Abrollareal für ihre Reifen. Uns bringt es hingegen unerwartete Erlebnisse, die manchmal zu Abenteuern ausarten (…)“. Welches „Abenteuer“ kommt Ihnen da spontan in den Sinn?

KRÖHER: Spontan denken wir an das Abenteuer ganz am Ende der Reise: Eine überraschende Begegnung, die uns an die Grenzen unserer europäischen Sichtweisen auf Weltprobleme gebracht hat – und darüber hinaus. Nachzulesen im letzten Kapitel.

Route Nationale 7 - Opel Kapitän

Stilecht im Opel Kapitän, Baujahr 1956, ging es auf der RN 7 von Paris nach Menton (Copyright: Wolfgang Groeger-Meier)

FRANKREICH FAN: Die RN 7 hat die Menschen einst ans Ziel ihrer Träume gebracht. Heute gibt es bekanntlich weitaus bequemere und schnellere Wege, um an die Küste zu gelangen. Was hat sich an der Straße alles verändert, was ist geblieben? Gibt es etwas, das Sie besonders vermissen?

KRÖHER: Vieles hat sich verändert. Zum Beispiel herrscht auf der einstigen Trasse der RN 7 heute zum Glück deutlich weniger Verkehr als in den 1970ern. Aber vieles ist noch wie damals, zur Hoch-Zeit: Das Spiel von Licht und Schatten im Laub der Platanen. Die intensiven Düfte – mal nach Dieselruß und Bremsabrieb, mal nach Lavendel, Rosmarin und wildem Thymian. Der Gesang der Nachtigall. Die starke Anziehung des Südens, die hinter jeder Biegung immer weiter zunimmt. Vermisst haben wir lediglich die Jukeboxes in den Fernfahrerkneipen – mit Hits von Johnny Halliday, Jacques Dutronc und France Gall.

FRANKREICH FAN: Trifft man außer ein paar Nostalgikern auch noch Touristen auf der Landstraße in den Süden?

KRÖHER: Ja, man trifft Touristen – denn die historische Route der RN 7 führt noch immer an zahlreiche Attraktionen: Die römischen Amphitheater in Vienne und in Orange, das Schloss der franzöischen Könige und Kaiser in Fontainebleau, die Brücke von Avignon. Der Parkplatz vor dem verkehrsberuhigten Bergdorf Èze, direkt an der alten RN 7 östlich von Nizza gelegen, ist bei schönem Wetter sogar spätestens ab 11 Uhr morgens voll belegt mit Bussen.

FRANKREICH FAN: Sie haben die 1000 Kilometer zwischen Paris und Menton mit einem alten „Opel Kapitän“ (Spitzname „Hans Joachim“) zurückgelegt. Hatten Sie nicht Angst, damit irgendwo zwischen Wäldern und Wiesen, fernab jeglicher Autoreparatur-Werkstätten liegen zu bleiben?

KRÖHER: Hätten wir Angst gehabt vor einer Panne, einem Liegenbleiben, hätten wir die Fahrt mit einem modernen Fahrzeug machen müssen. Der 58 Jahre alte Opel, den wir im Lauf der Reise dann nur noch „Käpt’n Kuck“ genannt haben, war jedoch sehr verlässlich. Jeden Morgen sprang er brav an – spätestens, wenn wir ihm etwas Choke gönnten, den entsprechenden Knopf am Armaturenbrett herauszogen…..

Route Nationale 7 - Gaststätte

Einzelhandel und Gastronomie an der RN 7 werden nur noch selten genutzt (Copyright: Wolfgang Groeger-Meier)

FRANKREICH FAN: Sie haben auch mit den Menschen gesprochen, die von und mit der RN 7 gelebt haben. Wie haben diese die Entwicklung der Straße erlebt?

KRÖHER: Manche waren traurig, weil nicht mehr so viele Autofahrer den Einzelhandel und die Gastronomie direkt an der Straße nutzen. Andere sind längst dabei, die große Tradition der RN 7 für einen Modernisierungsschub zu nutzen. Der Bürgermeister der Wein-Stadt Tain l’Hermitage hat zum Beispiel große Pläne, die „Straße der Sehnsucht“ zu einer Muster-Strecke für sanften, zukunftsträchtigen Tourismus mit Elektro-Autos zu machen – quer durch die Grande Nation! Im Detail nachzulesen in unserem Buch.

FRANKREICH FAN: Ob Alleen, Kirchen, Meilensteine: Die RN 7 bietet unzählige Fotomotive. Wie oft mussten Sie im Laufe Ihrer Reise eigentlich anhalten, um Bilder von der berühmten Straße zu knipsen und wie viele Aufnahmen sind es letztlich geworden?

KRÖHER: Insgesamt haben wir wohl einige hundert Mal angehalten, ursprünglich nur um zu fotografieren. Doch oft entstanden daraus Begegnungen, Gespräche, Kontakte, die uns tiefer in die Geschichte und die Geschichten um die RN 7 hineinführten. Viele hundert Fotos sind so entstanden, rund die Hälfte des Buchs besteht aus Bildern, etliche davon auf Doppelseiten.

FRANKREICH FAN: Welche Tipps können Sie Lesern geben, die jetzt neugierig geworden sind und die RN 7 ebenfalls mit dem Auto bzw. Oldtimer bewältigen möchten? So eine Tour erfordert doch sicher einiges an Vorbereitung und Planung?

KRÖHER: Für Genussreisende kommt es in unseren Augen nicht so sehr darauf an, jeden Meter exakt auf dem historischen Asphalt der RN 7 zu fahren. Wichtig ist vielmehr eine Fortbewegung mit Muße: mit offenen Augen und Ohren, mit Lust auf Neues und tatsächlich auch mit geöffnetem Herzen. Unser Buch enthält einige Anregungen, etwa für Hotels oder Restaurants, für Oldtimer-Werkstätten und Kunstsammlungen, für Aussichtspunkte und Weinberge.

FRANKREICH FAN: Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Eine Fahrt auf der RN 7 ohne Oldtimer ist  …

KRÖHER: .. an manchen Stellen vielleicht ein bisschen anders als unsere Fahrt im Opel Kapitän, Baujahr 1956. Aber wahrscheinlich nicht langweiliger! Auf den 1000 Kilometern der Straße der Sehnsucht gibt es so viel zu erleben. Die Neugier auf das, was hinter der nächsten Kurve, der nächsten Straßenkuppe wartet, ist in einem neueren Auto nicht geringer als im Cockpit eines betagten Herren wie „Käpt’n Kuck“.

FRANKREICH FAN: Vielen Dank für das offene Interview!

Das Buch von Michael O. R. Kröher und Wolfgang Groeger-Meier „In die Sonne, in die Ferne. Auf einer Straße der Sehnsucht ans Mittelmeer“ ist im März 2015 im Verlagshaus Römerweg, Corso Verlag, erschienen. Auf den Seiten des Verlags erhalten Sie alle wichtigen Informationen zu dem Werk. Ihre Eindrücke von der Fahrt auf der Route Nationale 7 haben die beiden Freunde außerdem in einem Reiseblog ausführlich geschildert: http://nationale7.me.

Alle Bilder: Copyright Wolfgang Groeger-Meier

Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

2 Kommentare

  1. Bonjour Martin,

    Votre blog est décidement charmant. Je suis française, parisienne et j’ai fais une partie de mes études à Tubingen.
    Vos remarques sur mes compatriotes et mon pays me font souvent sourire.

    “L’esprit c’est comme un parachute : il n’est utile que s’il est ouvert“

    Merci d’aimer notre belle France

    MfG

    Catherine

    • Chère Madame,

      l’amour a ses raisons que la raison ne connaît point.
      C’est bien de faire sourire mes lecteurs. Ainsi, ils vont tous revenir un jour ou l’autre. 😉
      Je devrais écrire encore plus sur Paris car c’est ma ville préférée.

      J’espère que vous restez fidèle à mon blog.
      Martin

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