Permalink

1

Quebecer Französisch vs. Standardfranzösisch: Ähnlich, aber nicht gleich

Unterschiede Quebecer Französisch und Standardfranzösisch

Ob in der kanadischen Provinz Quebec oder im Mutterland der französischen Sprache in Frankreich: Diesseits und jenseits des Atlantiks verständigen sich die Menschen auf Französisch. Auch wenn das in Quebec gesprochene Französisch sich in Sachen Grammatik, Aussprache und Vokabular nur wenig vom Standardfranzösischen unterscheidet: Das Quebecer Französisch und das Standardfranzösische sind zwar ähnlich, aber nicht gleich. Das soll in diesem Beitrag am Beispiel von drei Redewendungen gezeigt werden.

    • jus de bras (QU) vs. huile de coude (FR)
      Wer sich in Quebec in etwas „reinkniet“, benutzt dort den Ausdruck „jus de bras“, um damit die Energie, die Stärke und die Kraft zu beschreiben, die man in eine Aufgabe steckt. In Frankreich hingegen heißt es „mettre de l’huile de coude“ (Gelenkschmiere), in Anlehnung an „mettre de l’huile dans les ruages“.  Wird ein Räderwerk geölt, läuft es anschließend leichter. Durch den Einsatz von „huile de coude“ kann man also mit den Armen mehr Energie produzieren. Darum sagte man Ende des 19. Jahrhunderts oft „huile de bras“. Das Fehlen von „huile de coude“ bei der Arbeit bedeutet, dass man Kräfte eingespart hat, also faul war.
      Dieser Ausdruck findet sich auch in einem Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert wieder, in dem auf dessen scherzhafte Verwendung im Gesindewesen hingewiesen wird.„Ces meubles, Madame, ne veulent pas devenir brillants. – C’est que, ma mie, tu y as sans doute économisé l’huile de coude; c’est-à-dire: Tu as trop ménagé ton bras et tes forces.“
    • Lancer la serviette (QU) vs. jeter l’éponge (FR)
      Während man im Quebecer Französisch – wie im Deutschen auch – das Handtuch wirft, wird im Standardfranzösischen der „Schwamm geworfen“. Der Ausdruck aus dem Boxsport besagt, dass man nicht bis zum Umfallen kämpft, sondern vorher freiwillig aufgibt.
      Beispiel: Il lance la serviette car sa crédibilité est en jeu.
    • Se mettre sur son 36 (QU) vs. se mettre sur son 31 (FR)
      Wenn man sich in Quebec in Schale wirft, sagt man: Je me mets sur mon 36. Zieht ein Franzose hingegen seine schönsten Kleidungsstücke an, wird das wie folgt ausgedrückt: Je met mets sur mon 31. Doch worauf gehen die Zahlen in beiden Ausdrücken zurück? Für die Herkunft der Wendung „se mettre sur son 31“ im Französischen gibt es mehrere Erklärungsansätze. Einer Theorie zufolge sollen die Ursprünge in Preußen liegen. An jedem 31. eines Monats bekamen die Soldaten Besuch von ihren Vorgesetzen und zu diesem Anlass mussten die Uniformen tadellos hergerichtet sein. Außerdem könnte der Ausdruck auch auf ein Kartenspiel namens „Le 31“, das im 19. Jahrhundert in Militärkreisen beliebt war und bei dem man 31 Punkte ansammeln musste, zurückzuführen sein. Eine weitere Annahme besagt, dass ein im Mittelalter nur von Reichen getragener edler Stoff, „trentain“ genannt, die Redewendung erklärt. Da der Rest der Bevölkerung diesen nicht kannte, wurde er „trente-et-un“, also wie die Zahl 31, ausgesprochen. Aber wieso wird in Quebec die Zahl 36 verwendet? Hier soll der Redewendung ein Wortspiel zugrunde liegen: „quatre fois neuf („neuf“ im Sinne von neu, neuwertig; also hier sehr, sehr neu) font trente-six“. Dem entspricht die Bedeutung, die schönsten bzw. neuesten Kleider anzuziehen. Eine Alternativ-Erklärung bezieht sich auf die Größe des Stoffs, aus dem neue Kleider fabriziert wurden; dieser war meist 36 Daumen breit.

Auch das Französische kennt übrigens Redewendungen, in denen die Zahl 36 eine Rolle spielt, z. B. in „en voir 36 chandelles“ (die Engel singen hören, Sternchen sehen), „tous les 36 du  mois“ (ironisch: selten oder nie, z. B. in  „Je ne te vois que tous les 36 du mois.“). Außerdem wird es auch in der Bedeutung von „viel“ verwendet, wie beispielsweise in „il n’y a pas 36 solutions à ce problème“.

Eine Frage, die ich mir zu dem Thema noch gestellt habe: Trotz der geringfügigen Unterschiede in puncto Grammatik, Aussprache und Vokabular, kann es sein, dass ein Franzose bei gewissen Wörtern und Ausdrücken, die im Quebecer Französisch verwendet werden, nur Bahnhof versteht? Laut meinem Freund Jacques ist es hauptsächlich der andere Akzent, der bei Franzosen für Verwirrung sorgt. Da viele Quebecer aber ursprünglich aus Westfrankreich stammen, haben Menschen aus der Vendée oder der Bretagne weniger Verständnisprobleme als Pariser. Denn einige Wörter aus lokalen Dialekten wurden einfach nach Kanada importiert, z. B. achaler (embêter). Mehr

Quellen:

  • http://www.europe1.fr/mediacenter/emissions/aux-origines-franck-ferrand/sons/aux-origines-de-l-expression-se-mettre-sur-son-31-2149445
  • http://bligneri.blogspot.de/2012/10/sur-son-trente-six-ou-sur-son-trente-et.html
  • Nouveau glossaire genevois par Jean Humbert, Chez Julien Frères, 1852, Genf.
  • http://www.lespasseurs.com/Parlure_Quebecoise.htm

Bild: Gratisography.com

Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

1 Kommentar

  1. Lieber Freund der französischen Sprache,
    ich habe mich unglaublich über deinen Bericht gefreut und möchte auch meine Erfahrungen teilen.
    Ich komme aus einen westlichen Teil Deutschland und bereise oft Frankreich. Besonders lyon hat es mir angetan. Vielleicht kannst du mir ja mal einige Reisetipps für die Region geben, sodass ich auch meine Ereignisse Teilen kann. Ich würde mich über eine Brieffreundschaft freuen.
    Mit freundlichen Grüssen die glückliche Tanja

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.