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Paris heute & damals: Veränderungen in 29 Jahren am Beispiel eines Reiseführers

Frankreich-Reiseführer Harms-Verlag

Kürzlich habe ich an einem ungemütlichen Herbsttag auf einem Bücherflohmarkt nach alter Reiseliteratur gestöbert. Dabei fiel mir ein alter Reiseführer aus dem Jahr 1985 über Paris ganz besonders auf, da seine schlichte Aufmachung im Vergleich zu den heutigen Hochglanz-Reiseführern hervorstach. Sogleich war die Idee für meinen nächsten Blogartikel für den „Frankreich Fan“ geboren: Paris damals, Paris heute: Veränderungen in 29 Jahren am Beispiel des Reiseführers aus dem Harms-Verlag, der als Titelbild abgebildet ist.

Was waren das noch für Zeiten, als ein Einzelfahrschein für die Pariser Métro knapp 1,50 DM (die Hälfte des heutigen Preises) kostete und man noch von „frischer Pariser Stadtluft“ sprechen konnte. Doch nicht nur die Preise haben seit 1985 und der Umstellung vom Franc auf den Euro angezogen, auch die Belastung der Luft mit Schmutzpartikeln macht Paris schwer zu schaffen. Kürzlich war in einer Zeitung sogar zu lesen, dass die Höchstwerte der Luftverschmutzung in der Hauptstadt für die Gesundheit des Menschen so gefährlich seien, wie wenn man in einem 20-Quadratmeter-Raum mit acht Rauchern zusammensäße.

„Paris sera toujours Paris, la plus belle ville du monde“, singt die französische Chanson-Sängerin Zaz in ihrem neuen Album. Doch auch Paris muss mit der Zeit gehen und sich an die neuen Verhältnisse anpassen, um nicht zur Museumsstadt zu werden.

Kleiner Faktencheck

Nachfolgend stelle ich Zitate aus dem alten Paris-Reiseführer der heutigen Situation in Paris gegenüber.

Paris im Überblick
„Der Großraum Paris, die Region Ile de France, ist mit über 10 Millionen Einwohnern nach New York, Tokio, Mexico City und Schanghai der fünftgrößte Ballungsraum der Erde.“

Wie muss es den Parisern einst geschmeichelt haben, zu den größten Städten dieser Erde zu zählen. Mittlerweile hat nicht nur die Bedeutung Frankreichs in der Welt abgenommen, auch Paris ist in der Liste der größten Metropolregionen abgerutscht und nur noch unter ferner liefen zu finden, genauer gesagt mit 12,293 Millionen Einwohnern auf Platz 26 hinter Lagos (Nigeria) aber noch vor dem Großraum Rio de Janeiro (Brasilien).

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Metropolregionen_der_Welt

Anreise
„Zugreisende aus dem Norden kommen am Gare du Nord an. Fahrtzeit von Köln ca. 6 Stunden. Die Züge aus Süddeutschland und aus Teilen der Schweiz halten am Gare de l’Est, Fahrtzeit von Straßburg ca. 5. Stunden.“

Ich kann mich gut an die Zeiten erinnern, als es zwischen Süddeutschland und Paris noch keine TGV-Verbindung gab. Damals war eine Reise in die französische Kapitale per Bahn eine echte Tortur und dauerte rund 9 bis 10 Stunden. Zunächst musste man – von München kommend – mit dem ICE oder IC bis an die Grenze fahren und von Straßburg aus mit dem Eilzug die Reise fortsetzen. Seit 2007 ist das alles Geschichte. Nun kann man beispielsweise in der Früh um 6 Uhr in München mit dem TGV starten und ist pünktlich zum Mittagessen in Paris. Die Fahrzeit zwischen der bayerischen Landeshauptstadt und Paris wurde nahezu halbiert. Auch zwischen Köln und Paris benötigen Reisende nur noch die Hälfte der Zeit, der Thalys verbindet die rheinische Metropole mit Paris in knapp 3 Stunden.

Einkaufen in Paris
„Güter des normalen Konsumbedarfs findet man beispielsweise in den Grands Magasins am Bd. Haussmann oder im Samaritaine-Kaufhauskomplex an der Seine.“

Das Samaritaine am Pont Neuf war einst das größte Pariser Kaufhaus – direkt im Zentrum von Paris gelegen. Beliebt war es bei Touristen vor allem wegen der tollen Aussicht in den oberen Stockwerken. 2005 wurde das Warenhaus wegen Sicherheitsmängeln geschlossen und mit Renovierungen begonnen. Der Luxusgüterkonzern LVHM, dem das Gebäude gehört, hat aus dem Kaufhaus nun ein Luxushotel, Büros, Einzelhandellokale und Sozialwohnungen gemacht.

Paris und seine Toiletten
„Immer seltener werden auch die ehrwürdigen Pissoirs, die früher in den Straßen standen. Sie werden ersetzt durch kleine ovale Kioske aus geriffeltem Stahlbeton. Hierbei handelt es sich um wirkliche Wunderwerke moderner Ingenieurskunst. Nach dem Studium einer umfangreichen Gebrauchsanweisung steckt man ein Francstück oder zwei Fünfzig-Centimestücke in den dafür vorgesehenen Schlitz.“

Wenn man früher in Paris kurz austreten musste, nutzte man die öffentlichen Urinier-Einrichtungen auf den Straßen und in den Parkanlagen von Paris. Doch die „vespasiennes“ genannten Toiletten machten 1980 den Stahlbeton-Kiosken, auch „sanissettes“ genannt, Platz. Über 400 dieser öffentlichen Toiletten gibt es heute in Paris, seit 2006 sind sie zudem kostenlos. Neue, von einem Designer entworfene Toiletten, ersetzen seit 2009 allmählich die alten Sanissettes und sind auch für Menschen mit Behinderung zugänglich. Auf der offiziellen Website der Stadt Paris können Sie bequem nach einem Sanissette in Ihrer Nähe suchen. Hier der Link zur interaktiven Karte: http://meslieux.paris.fr/sanisettes.

La Défense
„La Défense ist über die RER-Linie A Richtung St. Germain-en-Laye zu erreichen, eine Station von Charles-de-Gaulle entfernt.“

Heute verbindet nicht nur der RER das Stadtzentrum mit dem futuristischen Geschäftszentrum im Pariser Westen. 1992 erweiterte man die Métrolinie 1, die älteste der Stadt, vom Pont de Neuilly bis direkt unter die Esplanade de la Défense. Auf der von Geschäftsleuten stark frequentierten Linie fahren seit 2012 übrigens nur noch vollautomatische U-Bahnen ohne Fahrer.

Das kulturelle Leben in Paris
„Über 60 Museen, unzählige Galerien, zahlreiche Vorträge, Ausstellungen, Sportveranstaltungen, Konzerte und Ballettforführungen wetteifern um die viel zu kurze Zeit der Reisenden. Hinzu kommen rund 100 Theater (ca. 80 in Paris und 20 in den Vororten), 15 Café-Théâtres, 40 Etablissements (…)“.

Auch hier hat sich in den 29 Jahren seit Veröffentlichung des Reiseführers einiges im kulturellen leben der französischen Hauptstadt getan. So gibt das offizielle Tourismusbüro heute folgende, deutlich höhere Zahlen bekannt: 173 Museen und 238 Theater und Kabaretts buhlen 2014 um die Gunst der kulturinteressierten Bevölkerung.

Quelle: http://www.parisinfo.com/visiter-a-paris/infos/questions-frequentes

Östlich des Platz de la Bastille
„Entrepôts de Bercy: Südwestlich schließt sich ein ca. 200 x 700 m großes, zwar umzäuntes, aber zugängliches Gebiet an, in dem früher und zum Teil auch heute noch Wein in Flaschen gefüllt wird. Die meisten der Gebäude sind völlig verfallen und verwahrlost und nur von Katzen und Mäusen bewohnt.“

Von der im Reiseführer beschriebenen Tristesse im Pariser Osten zu Beginn der 1980er Jahre ist heute überhaupt nichts mehr übrig, hat sich Paris im Osten in den vergangenen Jahrzehnten doch wahrlich herausgeputzt. Den einstigen Weingroßmarkt gibt es schon lange nicht mehr. An seine Stelle wurde der Parc de Bercy gebaut, der Kernstück des neuen Bercy-Viertels ist. Umsäumt wird er zum einen vom Palais Omnisports, von Bercy-Village, einem Ausstellungsgelände und modernen Wohnhäusern.

Mit Auto und Fahrrad in Paris
„Radfahrer gehören nicht zum gewohnten Pariser Straßenbild. Dies ist im wesentlichen dem gut organisierten öffentlichen Nahverkehrssystem und den niedrigen Métropreisen zu verdanken (…). Wenn man das Fahrrad zum ermüdungsfreien „Bummeln“ benutzt, sollte man auf dem Bürgersteig fahren.“

Wie sich die Zeiten doch geändert haben: Aus der einstigen Autostadt ist mttlerweile eine Stadt geworden, in der das Fahrrad dank des Radleihservices Vélib‘ zum gewohnten Straßenbild gehört. Mehr als 400 Kilometer Radwege, ein dichtes Netz an Verleihstationen und die Freigabe vieler Busspuren für Radfahrer haben maßgeblich zum Erfolg des ökologischen Fortbewegungsmittel beigetragen. Außerdem sind die Schnellstraßen entlang der Seine an den Sonntagen für den Automobilverkehr gesperrt.

Vor allem auf Kurzstrecken hat der Drahtesel bei Berufstätigen und Touristen in der Hauptstadt viele Anhänger gefunden. Das Stadtzentrum ist – im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen – überschaubar und kann locker mit dem Rad bewältigt werden. Und außerdem bekommt man auf diese Weise auch mehr von der Stadt mit, als wenn man nur die Métro benutzt.

Auf den Seiten der Stadt Paris werden nicht nur Fahrradkarten mit allen Radwegen zum Download angeboten (http://www.paris.fr/viewmultimediadocument?multimediadocument-id=107711), auch ein Entfernungsrechner steht zur Verfügung (http://vgps.paris.fr/http://vgps.paris.fr/).

Quelle: http://www.profirad.de/fahrrad-tipps/paris-mit-fahrrad

Nonchalante Äußerungen

Beim Durchblättern des Reiseführers konnte ich mir hier und da ein Schmunzeln nicht verkneifen, da der Autor des Öfteren nonchalante Äußerungen über die Verhältnisse vor Ort in seine Berichte einstreute. So etwas in einem Baedeker zu finden – undenkbar! Aber mit dieser Subjektivität verfolgen die Autoren Felix Sefkow und Volker Harms folgenden Zweck: „Gelegentlich haben unsere Beschreibungen subjektiven Charakter; damit wollen wir auf Besonderheiten im Lebensstil und Lebensgefühl unserer Nachbarn aufmerksam machen.“

Hier mein persönliches Best-of:

  • Zum Thema Trampen: „Für Tramper ist es schwierig, wieder aus der Stadt herauszukommen. Dies hängt einmal mit der mangelnden Bereitschaft der Franzosen zusammen, Anhalter mitzunehmen (abgesehen von alleinreisenden jungen Mädchen), aber auch mit den etwas komplizierten Verkehrsverhältnissen von Paris.“
  • Die Zugangshürde in der Métro, bei der zwei kleine Türen nach Einstecken einer gültigen Fahrkarte zur Seite wegklappen wird „Quetschmaschine“ genannt.
  • Zu den Unterschieden zwischen deutschen und französischen Kellnern: „Oh, diese deutschen Kellner: wie sie 10 Minuten lang durch einen hindurchschauen, bis man bestellen und sich auf die 20-minütige Wartezeit einrichten darf. Die drahtigen Garcons dagegen, in ihren engen schwarzen oder weissen Schürzen, in die Küche brüllend, auf den mit Sägespänen bestreuten Brettern hinter dem Tresen hin- und herschliddernd, reagieren auf eine hochgezogene Augenbraue.“
  • Zur Wohnqualität in den Wohntürmen rund um La Défense: „Vielleicht ist die Wohnqualität hier auch nicht schlechter als in den Betonburgen unserer bundesdeutschen Vorstädte. Sollte man den Architekten also dankbar sein, daß sie sich mit diesem Bauwerk selber karikiert haben und daß sie ein Mahnmal dafür errichtet haben, wie menschenwürdiges Bauen nicht aussehen kann?“
  • Zu den Sitzregeln in einem Pariser Taxi: „Der Beifahrersitz ist für Fahrgäste tabu, dort schläft der Hund, liegt Werkzeug oder die Zeitung des Chauffeurs. Am Wochenende sind kaum Taxis zu bekommen, weil die Fahrer sich ihren Familien widmen.“
  • Zu den Regeln für Autofahrer: „Nebenstraßen sollte man bei viel Verkehr erst recht meiden. Wenn dort gerade ein Supermarkt beliefert wird, können gerade noch die Fußgänger über die Kartons steigen.“
  • Über das Klischee von Paris als „Stadt der Liebe“: „Die Bezeichnungen „Stadt der Hektik“ oder „Stadt von Glanz und Gloria“ (für die, die es sich leisten können und für die, die die Phantasie haben, daran zu partizipieren, auch ohne es sich leisten zu können) wären erheblich treffender.“
  • Bezüglich der Mentalität der Pariser: „Die großstädtische Lebensweise, die auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen, das Gedränge in den Metros, auf den großen Boulevards, in den Kaufhäusern, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fehlenden Grünflächen und die sozialen Gegensätze lassen die Einwohner der Stadt eine Mauer der Abwehr um sich herum aufbauen und hochmütig und abweisend wirken.“

Egal, was sich in 29 Jahren alles verändert hat, eines ist gleich geblieben wie der Autor am Ende des einleitenden Kapitels schreibt:

„Das tpyisch „Pariserische“ ist fast kostenlos: der Besuch eines Wochenmarktes, eine Mahlzeit aus Obst, Weißbrot und Käse in einem Park oder die Abenddämmerung am Ufer der Seine mit einer Flasche Rotwein (…).“

Dem kann ich als passionierter Paris-Urlauber nur voll und ganz zustimmen.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Paris von damals? Gibt es etwas, das Sie in Paris heute vermissen? Dann hinterlassen Sie einen Kommentar im Anschluss an diesen Artikel.

Lesen Sie zum Thema Paris außerdem: Insider-Tipps Paris: Phantomstationen, vertikale Gärten & Obdachlosen-Führungen.

Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

2 Kommentare

  1. Jedesmal wenn ich in Paris bin und die Zeit es zulässt, esse ich in der rue de la harpe einen sandwich grèque avec frites in einem griechischem Restaurant mit Hinterhof, das es schon in meiner Jugend in den 1980er-Jahren gab und das sich seither kaum verändert hat. Da kommen Gefühle des bon vieux temps auf.

    • Hallo Herr Kramer,

      vielen Dank für Ihren Beitrag. Ja, solche Lokalitäten, die sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert haben, gibt es tatsächlich noch. Finde es gut, wenn bei all der Veränderung auch noch etwas Bestand hat. Wenn ich in Paris bin, suche ich oft auch wieder die Orte auf, an die ich mich gern erinnere. Das sind schöne Rituale.

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