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Abracadabrantesque – Bonmots als Stilmittel der Politik

Bonmots sind in der französischen Politik sehr beliebt

Die Schwierigkeiten beginnen bei diesem Adjektiv bereits bei der unfallfreien Aussprache. Abracadabrentesque: ein echter Zungenbrecher. Allein aus diesem Grund ist dessen Verwendung nur fortgeschrittenen Französisch-Lernenden zu empfehlen. Laut Online-Wörterbuch Leo hat es mehrere Bedeutungen: verblüffend, abenteuerlich, haarsträubend, ungewöhnlich. Hätte es der damalige Staatspräsident Jacques Chirac um die Jahrhundertwende nicht zum Leben erweckt, abracadabrantesque wäre wohl endgültig aus der französischen Sprache verschwunden und hätte nie Eingang in die Wörterbücher gefunden.

Der ehemalige französische Präsident war es, der sich am 21. September 2000 während eines Interviews mit der TV-Journalistin Elise Lucet vor laufender Kamera dazu veranlasst sah, dieses alte Wort wieder hervorzuzaubern. Grund war ein postumes Video-Geständnis von Jean-Claude Méry, einem Spendensammler, der Chirac wegen illegaler Parteispenden für dessen gaullistische Partei RPR arg in Bedrängnis brachte. Hier ein Auszug aus dem Interview:

 

Indem er also in einer für ihn persönlich sehr schwierigen Situation dieses für die meisten Franzosen damals unbekannte Wort „abracadabrentesque“ verwendete, lenkte er den Fokus der Öffentlichkeit und der Medien weg von seiner Person und den ihm entgegengebrachten Vorwürfen in der „affaire Méry“.

Reduktion auf einzelne Aussagen

Stattdessen stürzten sich alle nun auf dieses Bonmot, das die Franzosen so lieben. In den Redaktionen wurden fleißig die Wörterbücher gewälzt, selbst gestandene Journalisten hatten nur eine ungefähre Ahnung von der Bedeutung dieses Wortes. Auch wenn diese Vorliebe für die Reduktion der Mächtigen auf einzelne Aussagen oder Wörter schon immer bei den Franzosen vorhanden war, haben das Internet und die ständige Verfügbarkeit von Informationen in Echtzeit diese Tendenz noch verstärkt, wie Vincent Trémolet de Villers, Kommentator der konservativen Tageszeitung „Figaro“, bemerkt:

„À croire qu’Internet, Twitter et l’information continue ne changent rien à la psychologie des peuples. Ils renforcent même cette passion pour la réduction des hommes publics à un trait de caractère, une phrase, un mot.“

Ein geschickter Schachzug von Chirac, der auf den damaligen Generalsekretär im Elysée-Palast und Freund der Poesie, Dominique de Villepin, zurückgehen soll. Auch sonst war Chirac nie um eine geistreiche Äußerung verlegen, er war ein „roi des phrases cultes“. Lesen Sie hier seine besten Sprüche: http://lci.tf1.fr/politique/jacques-chirac-roi-des-phrases-cultes-et-repliques-choc-7703985.html

Der französische Experte für Krisenkommunikation, Florian Silnicki, charakterisiert in der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ dieses Verhalten wie folgt:

„Par ces formules, ils étouffent la crise en alimentant la machine médiatique qui s’attardera sur elles, en décryptant ces « bons mots », et non sur le fond de l’Affaire. Tout homme politique confronté à une crise cherche à en sortir. Il est tentant de le faire, par un bon mot, après avoir fait un choix entre différentes tactiques : contre attaquer le concurrent, reconnaître et s’excuser ou minimiser puis se taire.“

Bonmots in der Politik – eine lange Tradition

Auch andere französische Politiker wie der General de Gaulle (Chienlit, Quarteron), Nicolas Sarkozy (Méprisance) oder Ségolène Royal (Bravitude) haben mit ihren – mehr oder minder geistreichen – Äußerungen diese mediale Maschinerie befeuert. Ob das immer – wie im Fall von Chirac und de Gaulle – Absicht war, sei einmal dahingestellt. Im Blog „La Plume à poil“ rätselt der Autor ebenfalls über die mögliche Motivation der Mächtigen:

„Sont-ils l’objet d’une stratégie de communication bien définie, ou au contraire de la spontanéité, voire de la maladresse de leurs auteurs?“

Ein Beispiel für ein Bonmot zynischer Natur aus jüngster Zeit liefert der aktuelle Präsident, François Hollande, von dem gesagt wird, dass er mittellose Menschen in privater Runde abschätzig als „sans-dents“, als Menschen ohne Zähne, bezeichnet habe. Das zumindest behauptet seine ehemalige Lebensgefährtin, Valérie Trierweiler, in ihrem Buch „Merci pour ce moment“:

„François Hollande s’est présenté comme l’homme qui n’aime pas les riches. En réalité, le président n’aime pas les pauvres. Lui, l’homme de gauche, dit en privé: ‚les sans-dents‘, très fier de son trait d’humour.“

Diese angebliche Äußerung eines sozialistischen Amtsinhabers im Elysée über einen Teil seiner Wählerklientel schlug natürlich ein wie eine Bombe. Dessen war sich Trierweiler, eine mit allen journalistischen Wassern gewaschene Klatschblatt-Reporterin, beim Niederschreiben dieser Zeilen natürlich bewusst. Ob diese Worte tatsächlich so gefallen sind? Trierweiler hat verlauten lassen, sie wäre im Besitz von Beweisen, sollte ihr Ex-Partner sie dereinst wegen Verleumdung vor Gericht bringen. Egal, wie diese Affäre ausgeht, eines steht fest: Der Begriff „sans dents“ wird die Amtszeit Hollandes überdauern und untrennbar mit ihm verbunden bleiben. Ebenso wie „abracadabrantesque“ als sprachliches Vermächtnis von Chiracs Präsidentschaft in den Köpfen der Franzosen hängengeblieben ist.

Bonmots von Politikern werden zudem meist gegen ihre Schöpfer verwendet. So wurde Chirac nach besagtem Fernsehauftritt seine Äußerung jedes Mal unter die Nase gerieben, wenn er sich einen Fehltritt leistete. Und auch die „Zahnlosen“ sind nicht so zahnlos wie geglaubt: Demonstrationen wurden durchgeführt, Komitees der Zahnlosen gegründet und in den sozialen Netzwerken mit beißendem Spott geantwortet. „Sans-dents on peut manger un Flanby“, war da in Anspielung auf den Spitznamen Hollandes unter anderem zu lesen.

 

Abracadabrantesque: Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Obwohl ich das Wort seit meiner Entdeckung noch nie verwendet habe, da es einem gehobenen Sprachgebrauch angehört, ist es aber stets in meinem Kopf präsent. Ich bringe es automatisch mit einer Person des öffentlichen Lebens in einer ganz bestimmten Situation in Verbindung. Auch 99,99 % der Franzosen würden Jacques Chirac als Urheber ansehen, verriet mir mein französischer Bekannter Jacques, der sich in seiner Freizeit mit Etymologie beschäftigt. Daher wird in dem Zusammenhang auch von einem Neologismus (néologisme) gesprochen, da das Wort in Vergessenheit geraten war und von den Franzosen als „neu“ empfunden wird. Ein Barbarismus (barbarisme) ist ein Neologismus, der aber nicht Eingang in die Wörterbücher findet.

Dabei hat Chirac das Wort nicht erfunden, sein Schöpfer war Arthur Rimbaud, der aus dem bereits bestehenden abracadabrant das Adjektiv abracadabrantesque machte. Hier ein Auszug aus dem Gedicht Le coeur supplicié aus dem Jahr 1871:

Ithyphalliques et pioupiesques
Leurs insultes l’ont dépravé;
À la vesprée, ils font des fresques
Ithyphalliques et pioupiesques;
Ô flots abracadabrantesques,
Prenez mon cœur, qu’il soit sauvé!
Ithyphalliques et pioupiesques,
Leurs insultes l’ont dépravé.

Zum ersten Mal taucht das Wort in einem medizinischen Lehrgedicht („Liber Medicinalis“) des römischen Gelehrten und Autors Quintus Seramus im 3. Jahrhundert nach Christus auf. Darin empfiehlt er magische Formeln wie „abracadabra“ als Kur für Fieber und Malaria. Hadid Schehrazed macht darauf aufmerksam, dass das Wort deshalb in der Literatur auch als Synonym für Scharlatanerie verwendet wurde, z. B. In einem Werk von Jean Giono, wo es heißt: „On Consulta des specialistes, on fait des traitments les plus abracadabrantesque“. Hier ein Auszug aus dem Gedicht:

Mortiferum magis est quod Graecis hmitritaion
Vulgatur verbis: hoc nostra dicere lingua
Non potuere ulli, puto, nec volvere parentes.
Inscribes chartae quod dicitur abracadabra,
Saepius, et subter repetis, sed detrahe summae,
Et magis atque magis desint elementa figuris
Singula, quae semper rapies, et cetera figes,
Donec in angustum redigatur littera conum:
His lino nexis collum redimire memento.
Nonnulli memorant adipem prodesse leonis.
Coralium atque crocum corio connectito felis,
Ne dubites illi verides miscere smaragdos:
Talia languenti conducent vincula collo
Lethalesque abiget, miranda potentia, morbos.

Vielleicht lässt sich das Wort auch deshalb so leicht merken, weil die Zauberformel „abracadabra“ jedes Kind kennt und sie in jedem Land nahezu gleich ausgesprochen wird. Dadurch besitzt man schon ein gewisses Vorverständnis. Wenn ein Magier ein Kaninchen aus einem schwarzen Zylinder hervorzaubert, dann ist das etwas Unwirkliches, Unerklärliches. Bei dem man wie zu den Vorwürfen gegenüber Chirac nur mit dem Kopf schütteln kann: abracadabrentesque. Aber abracadabra, das war noch vor dem Aufkommen der modernen Zauberei eine magische Beschwörungsformel, die Krankheiten heilen sollte.

Über die Frage, wo das Wort herkommt, ist sich die Sprachforschung uneins: Eine mögliche Erkärung ist die, dass es aus dem Aramäischen kommt und „ich schaffe während ich spreche“ bedeutet. Angeführt wird auch ein möglicher Zusammenhang mit dem griechischen Wort für Gott „abraxas“. Oder stammt es von dem arabischen Zauber „abreq ad habra“? Hier finden Sie weitere Erklärungen.

Jean Veronis schreibt in seinem Blogbeitrag „Mots ribonds : une presidence abracadabrantesque„: „Les rois de France avaient le don de guérir les écrouelles, nos présidents ont peut-être celui de faire revivre les mots.“ Wer gerne mehr Bonmots kennenlernen möchte, die französische Politiker von sich gegeben haben, möge sich an nachstehende Lesempfehlungen halten.

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Hallo, ich heiße Martin Stäbe und arbeite im Online-Marketing. Meine Leidenschaft gehört seit meiner Jugend Frankreich. Ich liebe den Klang der französischen Sprache, Wortspiele, französische Patisserie & mehr. Auf diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen mit diesem wunderbaren Land mit anderen Frankophilen teilen. Bonne lecture! :)

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